Tag 5: Nur so am Rand | Von Hip Hop und Geschäft, 1996 bis 2009.

08.12.2018 00:50 Uhr

Mit dem ersten Majordeal begann das Sterben. Der kurze Abriss über zehn Jahre Rapboard in Deutschland. 3455 Tage lang haben wir polarisiert und oft Prügel eingesteckt, in einer jungen, identitätsuchenden Szene. Viele von uns sind mit diesen Projekten gewachsen, viele Karrieren sind entstanden.


von einer Tonbandaufnahme am 31.03.2009

Mit dem ersten Majordeal begann das Sterben

Der kurze Abriss über zehn Jahre Rapboard in Deutschland

Geschichtlich geht es im Hip Hop, ganz gleich auf welchem Kontinent, seit spätestens der 1990er Jahre hauptsächlich ums Geld. Vielleicht ist es nicht fair, dies pauschal zu behaupten, denn die Dunkelziffer derer, die Hip Hop tatsächlich aus Leidenschaft gemacht haben war vorhanden. Hip Hop ist tot, und nicht irgendwer, sondern wir alle sind daran Schuld.

Ich wollte an dieser Stelle darüber schreiben, wie traurig es mich stimmt, dass eine einst schöne Szene nicht mehr vorhanden ist, werde aber einen anderen, einen realistischeren Ansatz wählen. Letzten Sommer begann ich damit, alte Kontakte wiederzubeleben. Ich stellte fest, wie schwer dies geworden war. Das Gesprächfinden offenbarte die Herausforderung, die man eingeht, wenn man ein Klassentreffen auf die Beine stellen will.

Wenn du die erste Nummer auf der Liste wählst, und direkt mit einem „Anschluss nicht vergeben“ als Ergebnis konfrontiert wirst, steigert das allerdings deine Motivation zum Weitermachen, weil du weisst, für eine gute Sache zu arbeiten.

Wenn nach zwei Wochen nur noch ein winziger Haufen von dem da ist, was dich einst umgab, beginnst du nachzudenken.

Ich merkte, das die Menschen mit denen ich Tag ein, Tag aus einherging nicht mehr wie einst waren. Es gab diesen einen Produzenten nicht mehr, jedenfalls nicht um 14 Uhr wochentags. Aus ihm ist geworden, was er vor Jahren nicht glaubte: Bänker. Auch der DJ, der sonst Stunden pro Tag damit zu brachte sein Samplearchiv auf Vordermann zu bringen, war auf wundersame Weise zum Sachbearbeiter einer Versicherungsgesellschaft mutiert.

Nach über einem Jahr der Entscheidungsfindung bin ich nicht unglücklich darüber, dass das Meiste von dem, was um uns war, nicht mehr existiert.

In Wahrheit ist es noch da. Ich habe verstanden, die Menschen als den größten Schatz zu sehen, und nicht Pseudonyme, Treffen in verrauchten Studios, Produzentenbüros in Kellergewölben unter Fahrradläden oder verkrampftes Symbolezaubern mit diversen Fingern der Hand.

Alle sind noch da, ich habe alle wiedergefunden.

Es ist wie 1998.

Jeder ist älter geworden, hat seinen Weg im Leben gefunden und festgestellt, dass es nicht funktionieren kann, jahrzehntelang den gleichen Idealen hinterher zu laufen.

Hip Hop funktioniert heute nur noch so wie es Pop, Rock und Elektro schon Jahre länger tun. An Reißbrettern von Medienunternehmen und im allgegenwärtigen Klingeltonfernsehen.

Was haben wir uns damals gefreut, als die Werbeabteilung eines Schuhherstellers anrief, um einen Track für einen TV-Spot zu verwenden. Heute ist das nichts mehr wert, der Sound ist allgegenwärtig.

Seit Jahren wird Rap mit Elektro gemischt, das was irgendwann Revolution war, ist heute das einzige, was mir über den Weg läuft. Es gibt keine Innovationen mehr, und selbst wenn, sie würden nie wieder das auslösen, was hinter uns allen liegt.

Hip Hop, und das besprachen wir bereits zum Start des Forums und unserer Arbeit im Jahr 1996, ist eine Modeerscheinung. Nach 13 Jahren ist dies bewusster denn je. Wir haben die besten und größten Plattenlabels der 80er Jahre sterben sehen, selbst große Marken aus deutschsprachigen Landen haben sich in leerstehende Büroräume verwandelt.

Es ist alles da gewesen was möglich ist. Es kann keine neue Welle geben. Rapper schreiben heute Bücher, sitzen in Jurys von Castingshows oder lassen sich in „Ich suche eine Frau“-Shows durch die Medien ziehen. Es ist gut zu wissen, dass viele von denen, die mir die Hand geschüttelt haben, auf Grundlage ihres Tuns in den 80er und 90er Jahren, noch immer Geld verdienen, es ist aber genauso gut zu sehen, dass all die anderen fest im Leben stehen.

Der Eine hat letzens gesagt, sich für sein Kind und gegen Zeit mit seinem Textbuch entschieden zu haben, sei das Beste was ihn je passiert ist.

Den gleichen Kerl habe ich damals vor Freude im Kreis hüpfen sehen, als der (Knebel)vertrag mit der vierbuchstabigen-Plattenfirma unterzeichnet war.

Ich danke allen Personen, die seit 1996 am Aufbau des Rapboard in Deutschland beteiligt waren. Rapboard.de firmierte und agierte während der ersten drei Jahre als Teil der schönsten Bierlaune meines Lebens, dem Hip Hop-Magazin „Westcoast-Zine“ und dessen Berliner Ablegers WCZ-Berlin. Vielen Dank an Henning und PRONE, ohne die es niemals ein deutschsprachiges Rapboard gegeben hätte.

3455 Tage lang haben wir polarisiert und oft Prügel eingesteckt, in einer jungen, identitätsuchenden Szene. Viele von uns sind mit diesen Projekten gewachsen, viele Karrieren sind entstanden.

All ihr Altgewordenen, auf euch!

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Zitat des Tages

“Das Gossip-Kettenkarussel dreht sich eben immer weiter, und vielleicht haben wir auch gar nichts anderes verdient.” schrieb Lisa Ludwig im August 2018 über den Deutschrap-Mainstream im Internet und ergänztDeutschrap ist so Mainstream, er hat mittlerweile seine eigenen Klatschmagazine.”

Musikstück des Tages

Hate me now von Nas