Tag 507: 24. April 2005 / 24. April 2020

Franziska (2020)

Wir haben die Welt um uns herum andauernd analysiert und bewertet, erlebte Geschichten in Worten festgehalten und was schöner war, sie uns später erzählt. Du hast über Menschen auf der Straße gegrübelt, ich habe auf der Straße gelacht.

Es sind dreizehn Jahre seit unserem letzten gemeinsamen Weg vergangen. Fünfzehn Jahre, in denen viel passiert ist. Vieles, das ich dir gerne anvertraut hätte, viel zu dem deine Meinung wichtig gewesen wäre.

Ich vermisse dich noch immer sehr, kämpfe aber schon längst nicht mehr gegen das Lachen und Fröhlichsein. Lachen und Fröhlichsein waren deine Anker im Leben, beide hast du mir hinterlassen.

Die gemeinsame Zeit mit dir war zu kurz, aber hat gereicht, mich zu dem zu machen, der ich heute bin. Wie ich heute bin.

 

 

Komm zurück (2010)

Die herrlichen Geschichten, die sich um uns herum abspielten wurden Zeuge unseres Glücks. Es sind mehr als fünf Jahre vergangen, viele Sonnenaufgänge haben mich an dich erinnert.

Unglaublich viele Tage, an deren Ende mich deine Ratschläge weniger traurig gemacht hätten, sind grau ins Land gezogen.

In diesem Moment halte ich dein Bild in der Hand und deine Worte in Gedanken. Du bist hier gewesen, auch wenn das Außenstehende anders sehen würden. Du bist nie weg gewesen, nie unerreichbar.

Ich sehe dich vor mir, greife deine Hand in Gedanken, warte, still im Zimmer sitzend, auf ein Zeichen.

Manchmal kommt eines. Glaube ist stark. Ich glaube, du bist ganz in der Nähe. Ich lache mit dir, wir erleben bald den nächsten Sommer, die Ruhe am Abend und die Einsamkeit in Gemeinsamkeit. Was machst du nur? Komm zurück!

 

 

Am Ende für dich

Meine Welt, das bist du, geschaffen aus Bildern und Worten, gegangen im Schutz Ferne. Im traurigsten Moment warst du allein‘ und doch mit uns vereint.

Ich vermisse dich und kämpfe gegen Lachen und Froh- sinn, obwohl diese beiden deine Anker waren.
Zu kurz war unsere Zeit auf Erden. Noch viele Jahre erhoffe ich mir für das Leben, um täglich an dich denken zu können, dein Bild zu sehen, dein Leben zu überlegen.

Dein Sein und das Wissen, dich draußen vor dem Fenster umher rennen zu sehen, bringt mich zum weinen.

Es macht mich glücklich, dich gekannt zu haben. Ich danke dir für die Momente, für all‘ die Worte und Spinnereien. Ich danke dir für alles, für immer. Es wird dauern bis ich es begreife. Mein Herz, deine Schritte im Schnee … den ersten Sommertag (heute) hast du als Engel erlebt.

am Abend des 2. Mai 2005

 

 

Mittwoch (2018)

Am Anfang ist es jedes Mal ein kleines Abenteuer auf das man sich einlässt, wenn man Gedanken im Kopf sammelt und den Entschluss fasst, einen Stift zu nehmen, um sie aufzuschreiben.

Im Laufe der Zeit lernt man die Bilder der Welt in Buchstaben zu verwandeln und aus Alltagsmomenten kleine Episoden zu machen, ohne den Charme der Situation zu verfremden. Leider lernt man auch zu vergessen, den realen Zeitpunkt zu genießen.

Ich ertappte mich oft dabei, abwesend zu sein und den Schwerpunkt eines Augenblicks wie durch Nebel zu erfassen, weil im Kopf bereits die Sätze zur Beschreibung der Szene entstanden, die unbedingt festgehalten werden wollten.

Ich ertappte mich oft dabei, nicht einfach in den Tag zu leben und die Woche nicht einfach Woche sein zu lassen, oder den Arbeitstag nicht einfach als notwendiges Übel zu sehen.

Im Dämmerlicht saß ich oft stundenlang vor einem Blatt Papier, trank erst Wein, dann Bier, zog an Zigaretten oder den Fäden der Jalousie um frische Luft und Sternenhimmel als Inspiration oder wenigstens eine verirrte Fliege als Muse ins Zimmer zu lassen.

Ich ertappte mich oft dabei, nicht einfach in den Tag zu leben, nicht einfach da gewesen zu sein, wenn jemand sagte es wäre schön und passend. Nicht da gewesen zu sein, wenn nachmittags Schule war. Nicht da gewesen zu sein, wenn Not am Mann war.

Ich bewertete alles, saugte alles auf und winkte oft gedankenverloren und griesgrämig, kleinlaut oder sarkastisch ab, wenn mir eine Frage gestellt wurde.

»In trüben Gewässern fischen« hat mal einer als Antwort bekommen, als er andere fragte, wie das wohl sei, sich mit mir zu unterhalten. Die Wahrheit öffnet einem manchmal die Augen, auch wenn man das nicht sofort erkennt.

Es ist ein Mittwoch gewesen, der mich dazu brachte zu behaupten:

»Probleme gibt es keine, höchstens überbewertete Situationen. Beleidigungen gibt es keine, höchstens missverstandene Worte. Ängste gibt es keine, höchstens übertriebene Gedanken. Mich als lachenden Mensch gibt es nicht, höchstens an anderen Tagen.«

Das alles war vor der Zeit im Frühling nach der Jahrtausendwende, der zuerst nicht besonders warm war, aber im Laufe sehr herzlich und wichtig wurde. Mich veränderte,

verstehen lehrte, Vernunft erschuf und meine Lebensweise und Einstellung positiv beeinflusste.

Es war ein Mittwoch.

»Angenehm, einfühlsam, charismatisch, traumhaft, ehrlich, freundlich, geheimnisvoll, herrlich, intelligent, jung, krisenstark, lieb, wertvoll, nachdenklich, witzig, umgänglich, romantisch, speziell, traumhaft, schön, verständnisvoll, wichtig und zauberhaft.«

23 Worte für die Königin. Die Königin, die mich aus dem Sumpf der trostlosen Traurigkeit befreit hat und mit ihrem Dasein und ihrer grandiosen Fähigkeit für Aufheiterung dafür gesorgt hat, mich zu dem zu machen, der ich heute bin. Wie ich heute bin.

Es war ein Mittwoch.

Am Abend nach einem langen Tag erzählte sie mir von ihrem Plan fürs Studium. Sprach von ihrem Umzug, ihrer ersten eigenen Wohnung und ihrer Freude über die Sonne die da war, als sie mit einer Freundin einen Ausflug machte.

Sie erzählte überschwänglich lustige Geschichten und wie sie beide lachten und wie besagte Freundin in Gedanken

fast gegen eine Straßenlaterne gelaufen wäre.

Es war schön sie so zu erleben, die Spannung und das Knistern, die uns den Sommer begleiten sollten. Es war schön sie zu motivieren, weil sie mich motivierte.

Ihr Meerschweinchen, sagte sie, mache seinem Namen alle Ehre und fügte wie beiläufig hinzu, »wenn du etwas tun willst, was du immer tun wolltest – und du hast die Chance dazu – dann tu‘ es.«

Es war wieder ein Mittwoch, als sich überraschend ihre Schwester bei mir meldete und sagte: »es tut mir leid, Franzi ist am Sonntag gestorben.«